Doppel-Jubiläum bei der IG Metall Darmstadt

Zwei Lebenswege, eine Haltung: Peter Gruber und Walter Dintelmann

07.08.2025 | Zwei 96-Jährige, zwei lange Arbeitsleben – und je 80 Jahre IG-Metall-Mitgliedschaft. Daniel Bremm und Tom Kehrbaum besuchten Peter Gruber in Eppertshausen und Walter Dintelmann in Nieder-Ramstadt. Ein Doppel-Porträt über Handwerk, Verantwortung und Verlässlichkeit.

Daniel Bremm, Peter und Hildegard Gruber neben Tom Kehrbaum

Walter Dintelmann gemeinsam mit seiner Nichte

Als die beiden Geschäftsführer der IG Metall Darmstadt, Daniel Bremm und Tom Kehrbaum, in Eppertshausen und Nieder-Ramstadt zu Besuch sind, begegnen sie zwei Männern, die viel erlebt haben – und die ihrer Gewerkschaft seit acht Jahrzehnten verbunden sind. Die Geschichten von Peter Gruber und Walter Dintelmann beginnen im Wiederaufbau und reichen bis in die Gegenwart. 

Peter Gruber – vom Lehrling zum Bürgermeister

Wenn Peter Gruber in seiner Werkstatt neben der Drehmaschine steht, erzählt der Raum von einem Berufsleben, das früh begann: in Urberach, mit 14 Jahren, bei der Gerätebau GmbH – dem späteren Werk von Telefonbau und Normalzeit (Telenorma), bekannt für Bahnhofsuhren. Noch vor Kriegsende als Flakhelfer eingezogen, findet er den Weg zu Fuß nach Hause und fängt neu an. Aus dem Elternhaus bringt er eine klare Linie mit: Der Vater, Dreher und SPD-Mitglied, musste sich vor den Nationalsozialisten verstecken.

Gruber wird Vertrauensmann, 1956 Betriebsrat bei Telenorma. Er setzt sich für gerechte Akkordentlohnung ein – nicht als Schlagwort, sondern aus Überzeugung: Gute Arbeit soll fair bezahlt werden. Von 1960 bis 1972 bildet er junge Menschen aus, fachlich solide und menschlich zugewandt.

1968 wählen ihn die Bürgerinnen und Bürger mit absoluter Mehrheit zum Bürgermeister von Eppertshausen. In der Gebietsreform droht der Gemeinde der Verlust der Eigenständigkeit. Gruber organisiert Widerstand – mit Erfolg: Eppertshausen bleibt selbstständig. Angebote, zur ÖTV zu wechseln, lehnt er ab. Sein Satz dazu ist schlicht: „Ein Metaller bleibt immer Metaller.“

An seiner Seite: Hildegard. Beide kennen sich seit der Jugend, seit 1950 sind sie ein Paar. Ein Motorradunfall hätte vieles beenden können; er überlebt. „Mein erstes großes Glück“, sagt Gruber. „Mein zweites ist sie.“ Zwei Sätze fassen seine Haltung zusammen: „Man muss für andere da sein – aber auch eine eigene Meinung haben und sie vertreten.“ Und: „Nicht faulenzen, sondern präsent sein.“ Beim Besuch zum 80-jährigen Mitgliedsjubiläum hören Bremm und Kehrbaum zu – und sagen Danke.

Walter Dintelmann – Werkzeugmacher, Familienmensch, Opelaner

In Nieder-Ramstadt beginnt der Tag seit mehr als fünfzig Jahren gleich: erst Kamillentee, dann Kaffee. Walter Dintelmann trat am 1. August 1945 in die IG Metall ein – am selben Tag startete er seine Lehre bei Breitwieser & Keller in Ober-Ramstadt. Eigentlich wollte er Feinmechaniker werden; gebraucht wurde ein Werkzeugmacher. Also wurde er Werkzeugmacher.

Später arbeitet er bei der Maschinenfabrik MAD in Darmstadt, auf dem heutigen Schenck-Gelände. Das Unternehmen stellt Maschinen und Apparate für Brauereien, Mälzereien und Brennereien her; Dintelmann ist auch auf Montage. Der Lohn: 75 Pfennige pro Stunde, in den Niederlanden das Doppelte. Die langen Zeiten fern von zu Hause sind anstrengend – und machen ihm zugleich bewusst, worauf es ihm ankommt. Einmal überrascht ihn seine Frau mit dem kleinen Sohn in Holland. Die Ehe hält mehr als siebzig Jahre; vor vier Jahren starb sie mit 93. „Sie fehlt mir jeden Tag“, sagt er.

1955 wechselt Dintelmann zur Adam Opel AG, in den Schnittbau. Dort stellt er Werkzeuge für die Stanzerei her – bis zur Rente mit 60. Die Kollegialität bleibt ihm besonders in Erinnerung: „Wir haben zusammengehalten, uns geholfen – im Kleinen wie im Großen.“ 1984 beteiligt er sich am Streik für die 35-Stunden-Woche. Vier Wochen Unterbrechung der Arbeit nutzt er zu Hause praktisch: Das Dach wird ausgebaut. Bei seiner Verabschiedung verabschieden sich Hunderte Kolleginnen und Kollegen persönlich.

Heute lebt Dintelmann allein und selbstbestimmt, kümmert sich um Haus und Garten, hält Hühner. Die Familie reicht inzwischen über fünf Generationen; vor Kurzem wurde er Urur-Großvater. Seine Enkelin beschreibt ihn als warmherzig, geduldig und humorvoll. Sein Motto: „Erst mal eine Nacht drüber schlafen – dann sieht die Welt schon anders aus.“ Und sein Schlusssatz beim Abschied: „Ich war immer IG Metaller – und bleib’s auch. Mein Ziel ist jetzt hundert Jahre alt zu werden – dann sehen wir uns zum nächsten Jubiläum!“

Gemeinsame Linie

Beide Biografien zeigen einen ähnlichen Kern: Sorgfalt im Handwerk, Verlässlichkeit im Team, Respekt vor der Arbeit anderer und immer solidarisch im Handeln. Peter Gruber und Walter Dintelmann haben Betriebe und Orte geprägt – als Ausbilder, Betriebsrat, Bürgermeister, Werkzeugmacher, Kollege. Und sie haben ihrer IG Metall 80 Jahre lang die Treue gehalten.

Von: ac

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